SYBIL VOLKS, die Spiegel Bestseller Autorin, im Gespräch mit Uwe Tomas

„Zwischen schwarz und weiß ist die Welt nicht grau, sondern schillernd und bunt.“

… das sagt Sybil Volks heute, elf Jahre nach dem Artikel über sie und ihre Frau Anne in der Siegessäule, dem queeren Stadtmagazin Berlins. Inzwischen lässt sie die Vielfalt auch in ihren Romanen lebendig werden.

LiSL Bayern traf die bekannte Schriftstellerin Sybil Volks am 11. November 2017 in Berlin zu einem Gespräch über Liebe, Partnerschaft, Politik und natürlich Literatur im Hans-Dietrich-Genscher Haus.

Uwe Tomas: Herzlich Willkommen, Frau Volks, im Hans-Dietrich-Genscher Haus. Ich freue mich sehr, dass Sie heute für LiSL Bayern und mich Zeit haben. Gar nicht weit von hier befindet sich die Torstraße, in der Ihr Roman „Torstraße 1“ spielt. Durch diesen Roman sind Sie in mein Leben getreten. Ich lese gerne Gesellschaftsromane mit einem realen Hintergrund und so habe ich die Geschichte des Hauses in der Torstraße 1, verbunden mit dem Leben dreier Familien, geradezu verschlungen.

Sybil Volks: Das freut mich! Tatsächlich hat das Gebäude eine unglaublich spannende reale Geschichte. Es war ursprünglich ein Kreditkaufhaus, das einer jüdischen Familie gehörte. Nach der Enteignung durch die Nazis wurde es zur Zentrale der Hitlerjugend. Nach dem Krieg zog das Zentralkomitee der SED  ins „Haus der Einheit“, später das Institut für Marxismus-Leninismus. Nach langem Leerstand befindet sich heute ein exklusiver, internationaler Members Club mit Hotel im Soho House. Also immer etwas sehr Zeittypisches ….

Uwe Tomas: Erst am Ende des Buches las ich die Danksagung „Das dickste Dankeschön meiner Frau Anne, die den Roman von der ersten bis zur letzten Seite mit Liebe, Geistesblitzen und nie nachlassender Ermutigung begleitet hat.“ Da war mir klar, dass ich mit Ihnen ein Gespräch für unsere Mitglieder und Leser von LiSL Bayern, LiSL Deutschland und der FDP führen möchte. Aber bevor wir zu Ihren Büchern kommen, ein paar persönlichere Fragen. Wie haben Sie Ihre Frau kennen gelernt?

Sybil Volks: Ich habe Anne vor 25 Jahren im Studium kennengelernt. Wir haben uns gegen alle Vernunft verliebt. Damals hatte sie eine Freundin, ich einen Freund, wir hatten ein paar schöne, schwierige Jahre mit Dreiecks-und Fernbeziehung. Haben uns dann füreinander entschieden, sind zusammengezogen. Und haben es bis heute nicht bereut … J.

Uwe Tomas: Sie sind ein sehr schönes Paar. Da müssten sich Ihre Familien gefreut haben, dass Sie sich fanden.

Sybil Volks: Danke für das Kompliment. In meiner Kernfamilie war das Coming out unproblematisch. Meine Mutter und meine Brüder hatten damit kein Problem. Für meine Frau, die aus einer liebenswerten, aber eher konservativen Familie aus dem ländlich-katholischen Westfalen kommt, war es ein längerer Prozess.

Uwe Tomas: Gab es einen Wendepunkt?

Sybil Volks: Das war unsere Hochzeit 2009, die wir mit einem großen Fest begangen haben. Von unseren transgender Freund*innen bis zu 80-jährigen Verwandten und Kindern haben sich alle prächtig miteinander amüsiert. Die offizielle Zeremonie in einem schönen Rahmen, das ganze Offensein hat etwas bewirkt. Deshalb finde ich es auch wichtig, meine Frau oder mein Mann zu sagen. Manchmal stutzen die Leute, aber je öfter sie es hören, desto selbstverständlicher wird es.

Uwe Tomas: Das war auch einer der letzten wichtigen Schritte des Gesetzgebers, die Bezeichnung von eingetragener Partnerschaft in Ehe anzugleichen.

Sybil Volks: Ja, es war überfällig, auf Gesetzesebene wie auch privat. Im Nachhinein haben Anne und ich uns gewünscht, wir wären viel früher überall „out“ gewesen. In der Familie, im Beruf, bei der Ärztin, der Bank…Es ist eine große Befreiung, für einen selbst und letztlich auch alle anderen.

Uwe Tomas: Wie engagieren Sie sich in der LBGT Community?

Sybil Volks: Seit meiner Jugend und bis heute bin ich überzeugte Feministin. Eine lange Zeit waren auch lesbische, dann queere Themen und Gemeinschaften wichtig. Inzwischen bewege ich mich als Autorin in einer literarischen Community. Und genieße ansonsten den Luxus des Privaten, was in Berlin sehr gut geht. Hier kann ich mit meiner Frau leben ohne groß aufzufallen, muss nicht täglich um Akzeptanz kämpfen.

Uwe Tomas: Gibt es in Ihren Augen einen Unterschied zwischen lesbischer und schwuler Community?

Sybil Volks: Was Lesben und Schwule angeht, sehe ich ebenso viele Differenzen wie Gemeinsamkeiten. Das Patriarchat macht vor der LGBT Community nicht Halt.

Uwe Tomas: Ihr aktuelles Engagement?

Sybil Volks: Ich arbeite ehrenamtlich, gemeinsam mit meiner Frau übrigens, als Familienlotsin für die Flüchtlingspaten Syrien. Das ist ein großartiger Verein und ich empfehle einen Blick auf die Webseite. www.fluechtlingpaten-syrien.de

Uwe Tomas: Das sind wir schon bei der Tagespolitik. „Keine Angst vor dem dritten Geschlecht“. So lautete der Kommentar von Marcus Weingärtner in der BERLINER ZEITUNG vom 11./ 12. November 2017, Nr. 264 auf Seite 8.

Sybil Volks: Da kann man nur sagen: Willkommen in der Realität! Das Bundesverfassungsgericht hat entschieden, dass es im Personenstandsregister neben Mann und Frau eine dritte Geschlechtsbezeichnung geben muss. Wer nicht ins binäre System passt, muss sich künftig in offiziellen Dokumenten nicht mehr zwischen Mann und Frau entscheiden – und auch keine Leerstelle bleiben. Allerdings muss noch ein Name für das „3. Geschlecht“ gefunden werden. Und die Diskriminierung im Alltag, am Arbeitsplatz, bis hin zur legalen Körperverletzung in Form von operativen Eingriffen ist damit noch lange nicht beseitigt.

Uwe Tomas: Für die geschätzt 100.000 betroffenen Menschen in Deutschland ist der 8. November ein besonderer Tag. Der Kampf um die eigene Identität und die Konfrontation mit einer oft verständnislosen Gesellschaft kostet die Betroffenen noch viel Kraft. In den sozialen Netzwerken wurde auf die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zum Teil sehr erbost reagiert. Neben der Anonymität des Netzes spielt hier auch das Schubladendenken, der Wunsch nach Einordnung, den die Menschen nun mal haben, eine große Rolle. Dabei sind die Geschlechtscharaktere nach der Wissenschaftlerin Karin Hausen, die Frauen und Männern zugeordnet werden, eine reine Erfindung. Dabei stellte sich in den social medias die Frage, ob Frauen sanfter und versöhnlicher, und Männer aggressiver sind.

Sybil Volks: Schon die Reaktionen auf die Ehe für alle haben gezeigt, dass eine tiefe Sehnsucht nach klar definierten Rollen- und Familienbildern in der Gesellschaft besteht. Schwarz oder weiß, deutsch oder türkisch, Mann oder Frau, homo oder hetero – Hauptsache eindeutig und lebenslänglich. Die Wirklichkeit ist zum Glück phantasievoller! Doch Uneindeutigkeit scheint Angst und Aggressionen auszulösen. Auch Bisexuelle sind deshalb vielen suspekt. Ich habe immer schon Frauen und Männer begehrt und geliebt und staune über die vielen Menschen, für die es ein Leben lang nur entweder – oder zu geben scheint. Zwischen schwarz und weiß ist die Welt nicht grau, sondern schillernd und bunt.

Uwe Tomas: Ihre Erfahrungen als Autorin, die in ihren Romanen auch, wie in einer bunten Gesellschaft üblich, Lesben und Schwule agieren lässt, würden unsere Leser sehr interessieren. Wie sind die Reaktionen auf bi-und homosexuelle Figuren?

Sybil Volks: Leider sind Lesben, Schwule und Transgender im „Mainstream“ durchaus noch nicht selbstverständlich. In einem nicht explizit queeren Roman oder Film ist eine homosexuelle Nebenfigur gern gesehen – und die sollte bitte schwul sein. Eine Lesbe als Hauptfigur oder mehrere nicht-heterosexuelle Nebenfiguren sind dagegen unerwünscht. In meinem letzten Roman „Wintergäste“ habe ich mehrere Figuren mit lesbischen Begehrlichkeiten beschrieben, was bei zahlreichen Leser*innen auf Missfallen stieß. Es wurde durchgezählt: das sind statistisch viel zu viele!  Da ist ja keiner mehr normal! Auch außereheliche Kinder und Liebschaften wurden gerade von jungen Leser*innen moralisch verurteilt. Hier scheint es mit einer liberalen Einstellung rückwärts zu gehen.

Ich glaube, dass ich mit den ganz selbstverständlich auftretenden homo- und bisexuellen Figuren in meinen Romanen, die ja bei dtv, in einem Publikumsverlag mit einer breiten Leserschaft erscheinen, für die LGBT-Belange auf andere Weise etwas beitragen kann als mit einem explizit queeren Roman in einem queeren Verlag.

Uwe Tomas: Wir sind hier an einem historischen Ort bzw. sitzen gerade an einem besonderen Schreibtisch: dem von Walter Scheel. Seine Tochter Cornelia war eine sehr kämpferische Lesbe für ihre Liebe zu Hella von Sinnen. Damals hat Sabine Maria Augstein, Tochter des Spiegelherausgebers Rudolf Augstein, für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare als Anwältin gekämpft. Hier ein Dankeschön an die vielen wunderbaren Menschen, denen wir die heutigen Erfolge verdanken.

Nun zu Ihren Romanen:

„Café Größenwahn“, Jaron Verlag 2007, historischer Berlin-Krimi

„Torstraße 1“, dtv Hardcover 2012, Taschenbuch 2014

„Wintergäste“, dtv premium 2015, Taschenbuch 2017

(alle auch als E-Book und die beiden letzteren als Hörbuch)

Ihr neuer Roman erscheint im Herbst 2018 bei dtv und schreibt die Geschichte der Boysens aus „Wintergäste“ fort. Sie waren mit „Wintergäste“ Spiegel Bestseller Autorin, Ihr Roman „Café Größenwahn“ war für den Glauser-Preis 2008 für das beste Krimidebüt nominiert. Die Serie ES GESCHAH IN BERLIN, in der dieser Krimi erschienen ist, hat bereits Kultstatus (Crime pays, Cicero). Und für Ihren Roman „Torstraße 1“ gibt es eine Filmoption der Produktionsfirma X-Filme, den Produzenten der aktuellen Serie Babylon Berlin. Das sind ja tolle Aussichten. Da wird dann sicher auch im Soho House in der Torstraße, am Originalschauplatz Ihrer Geschichte, gedreht?

Sybil Volks: Mal sehen, ob aus der Option tatsächlich ein Film wird, was natürlich wundervoll wäre! Ansonsten kommen  ins Soho House nur Hotelgäste und Clubmitglieder, auch ich habe keinen Zugang. Die Premierenlesung des Romans „Torstraße 1“ fand aber dort statt, und wenn es eine Filmpremiere  geben sollte … Vielleicht treffen wir uns das nächste Mal dort.

Uwe Tomas: Das war auch meine Idee, aber leider reise ich meist mit meinen Hunden und Haustiere haben dort keinen Zugang, auch nicht für Hotelgäste. Ich möchte das Soho House unseren Lesern  sehr empfehlen, da es sich wirklich um ein geschichtsträchtiges Gebäude handelt und nach Lesen des Romans sollte man es sich unbedingt ansehen. Meine Buchungsanfrage wurde sehr schnell und super freundlich beantwortet. Falls ich mal ohne Tiere in Berlin bin, werde ich dort sicherlich absteigen.

www.sohohouseberlin.com

Liebe Frau Volks, herzlichen Dank für das interessante Gespräch und die schönen Bilder, die ich bzw. meine Kollegin von Ihnen und uns machen durfte. Danke für die signierte und mit einer Widmung versehene Ausgabe der Torstraße 1. Das nächste Mal will ich aber Ihre Frau Anne kennenlernen. Dann gehen wir gemeinsam zum Essen und können unsere Unterhaltung mit weiteren wichtigen Themen fortsetzen.

Viel Erfolg für die Fortsetzung, den zweiten Teil Ihres Romans „Wintergäste“, der im Herbst 2018 bei dtv premium erscheinen wird,.

Sybil Volks:  Vielen Dank, auch für das Gespräch mit Ihnen! Es war mir wirklich ein Vergnügen.

www.sybil-volks.de